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Die Stühle
Das Glück das ihr sucht, ist nicht das Glück das ihr
finden werdet, und was ihr findet, ist nicht was ihr
zu suchen glaubtet. So lautet das Orakel im Film der
Coen Brüder „Oh brother, where are thou?“. So müsste
eigentlich die thematische Zusammenfassung dieser
Episode lauten. Wäre da nicht das Theater. Aber das
Theater ist da. Deshalb widmet sich die kurze
Erzählung zuerst diesem Theater, dann dem Glück,
obwohl das Glück in meinem Leben bereits Theater
bedeutete. Die Geschichte beginnt so: Sowohl der in
Polen geborene Jerzy Grotowski, wie der italienische
Meister Dario Fo, haben ihre Theaterarbeit einem
existenzialistischen Purismus verschrieben. Sie
setzten dem üppigen Regietheater der
Wohlstandsbürger eine neue Arbeitsweise entgegen.
Dario Fo besann sich der Wurzeln der commedia del
arte, während Grotowski den Bühnenraum ausmistete,
sowohl Requisiten wie Gestik einer asketischen
Reinigung unterwarf und auf diese Art die bourgeoise
Verlogenheit der klassischen Inszenierungen
anprangerte. Das war die Geburtstunde des absurden
Theaters und des Living Theater. Damals begann die
Ära der Groteske. Es war die Zeit Becketts und
Ionescos. Arrabals und Dürrenmatts. Die Moderne
suchte ihre eigenen Dramen. Komödie und Tragödie
verschmolzen zur Tragikomödie. Es war aber auch die
Zeit, als sich die alternativen Theatermacher nicht
mehr mit der gekauften und bereitgestellten
Bühnenpräsenz der Institutionen zufrieden gaben,
sondern das Schauspiel in einen unmittelbaren
Kontext mit seiner sozialen Verantwortung brachten.
Oder bringen wollten. So wurden Gesamtkonzepte
entworfen, es entstand das Theater im Wald, das
Theater am Tatort und das Theater in
Zwischennutzungsmodellen. Das war aber auch Tadeusz
Kantors „Theater des Todes“. Dort war ich zu Hause.
Meine Auseinandersetzung mit der Bühnenkunst führte
mich über Bern, Zürich, Hamburg; nach New York. Als
ich dann von Amerika zurückkam, unterrichtete ich in
Dornach experimentelles Theater, jobbte und plante
meine erste Inszenierung. Für den Einakter „Der
Kandidat“, einem traumatischen Monolog eines
Häftlings über sein Gewaltverbrechen, suchte ich
einen bespielbaren Raum. In der Nähe der Mustermesse
fand ich einen passenden Hinterhof. Zwei
mehrstöckige Häuser standen Rücken an Rücken,
zwischen ihnen an die 15 Meter Kieselbelag und
grosse, nackte Betonwände. Das Ganze war eine
klaustrophobisch anmutende Zementschlucht, ideal um
den Eindruck eines Gefängnisses zu vermitteln. Als
ich von den Behörden die Bewilligung erhielt, fing
ich mit dem Bau der Bühne und des Zuschauerraums an.
Schwere schwarze Leinenstoffbahnen dienten mir als
Bühnendach, zur Beleuchtung wählte ich Talgkerzen.In
kurzer Zeit entstand so ein Theaterraum, der mit Fug
und Recht als speziell bezeichnet werden konnte. Ich
probte das Stück bereits auf der naturalistischen
Bühne, als ich immer noch keine Sitzgelegenheiten
für die Zuschauer hatte. Ungefähr hundert Stühle
waren notwendig, mein Budget erlaubte mir nur noch
die Selbstverpflegung mit Sandwiches bis zum Beginn
der geplanten Vorführungen. Ein klassisches
Paradoxon, sozusagen.Dann kam der erlösende Anruf
eines Freundes: „Du, in der Greifengasse renoviert
ein Restaurant. Frag sie nach den alten Stühlen.“
Der Besuch im besagten Restaurant konnte leider
nicht erfolgreich sein, die Stühle waren bereits
entsorgt worden. Ich erhielt aber noch die
Information, dass das Kino im Singerhaus seine
Bestuhlung erneuern wolle. Mit dem Besitzer dort kam
ich dann überein, dass ich die schweren Kinostühle
ausbauen und entsorgen, respektive in meinem kleinen
Theater wieder einbauen würde. Gratis. Nur Arbeit
und Transportkosten. Das ging. So kamen rote
Kinosessel in meinen Theaterraum. Grossartig. Ebenso
grossartig war die Erfahrung mit dieser
Theaterproduktion. Als dann die Spielzeit längst
vorbei war, erinnerte ich mich an das Restaurant an
der Greifengasse. Die Besitzer hatten
zwischenzeitlich die Neueröffnung gefeiert, die
Kneipe „zum alte Schluuch“ hatte sich in einen
schmucken Künstlertreff verwandelt. Immer auf der
Suche nach Überbrückungsjobs fragte ich die Wirtin,
ob sie einen Barmann brauchen würden. Sie dachte,
ich sei entweder wunderbar oder sehr schräg, auf
jeden Fall stellte sie mich ein und statt der Stühle
hatte ich Arbeit. Sie besuchte auch meine Theater.
Sie heisst Sabine. Sie lebt heute mit mir zusammen
und unsere Patchworkfamilie unterhält drei Kinder,
die zwischenzeitlich zu Teenagern herangewachsen
sind. An guten Sonntagen, wenn die Freunde der
Kinder unsere gemeinsame Wohnung stürmen, fehlt uns
vor allem das Eine: genug Stühle. |
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