Autor Herbert Blaser

 

Schluuch - Geschichten

 
 

Die Stühle

Das Glück das ihr sucht, ist nicht das Glück das ihr finden werdet, und was ihr findet, ist nicht was ihr zu suchen glaubtet. So lautet das Orakel im Film der Coen Brüder „Oh brother, where are thou?“. So müsste eigentlich die thematische Zusammenfassung dieser Episode lauten. Wäre da nicht das Theater. Aber das Theater ist da. Deshalb widmet sich die kurze Erzählung zuerst diesem Theater, dann dem Glück, obwohl das Glück in meinem Leben bereits Theater bedeutete. Die Geschichte beginnt so: Sowohl der in Polen geborene Jerzy Grotowski, wie der italienische Meister Dario Fo, haben ihre Theaterarbeit einem existenzialistischen Purismus verschrieben. Sie setzten dem üppigen Regietheater der Wohlstandsbürger eine neue Arbeitsweise entgegen. Dario Fo besann sich der Wurzeln der commedia del arte, während Grotowski den Bühnenraum ausmistete, sowohl Requisiten wie Gestik einer asketischen Reinigung unterwarf und auf diese Art die bourgeoise Verlogenheit der klassischen Inszenierungen anprangerte. Das war die Geburtstunde des absurden Theaters und des Living Theater. Damals begann die Ära der Groteske. Es war die Zeit Becketts und Ionescos. Arrabals und Dürrenmatts. Die Moderne suchte ihre eigenen Dramen. Komödie und Tragödie verschmolzen zur Tragikomödie. Es war aber auch die Zeit, als sich die alternativen Theatermacher nicht mehr mit der gekauften und bereitgestellten Bühnenpräsenz der Institutionen zufrieden gaben, sondern das Schauspiel in einen unmittelbaren Kontext mit seiner sozialen Verantwortung brachten. Oder bringen wollten. So wurden Gesamtkonzepte entworfen, es entstand das Theater im Wald, das Theater am Tatort und das Theater in Zwischennutzungsmodellen. Das war aber auch Tadeusz Kantors „Theater des Todes“. Dort war ich zu Hause. Meine Auseinandersetzung mit der Bühnenkunst führte mich über Bern, Zürich, Hamburg; nach New York. Als ich dann von Amerika zurückkam, unterrichtete ich in Dornach experimentelles Theater, jobbte und plante meine erste Inszenierung. Für den Einakter „Der Kandidat“, einem traumatischen Monolog eines Häftlings über sein Gewaltverbrechen, suchte ich einen bespielbaren Raum. In der Nähe der Mustermesse fand ich einen passenden Hinterhof. Zwei mehrstöckige Häuser standen Rücken an Rücken, zwischen ihnen an die 15 Meter Kieselbelag und grosse, nackte Betonwände. Das Ganze war eine klaustrophobisch anmutende Zementschlucht, ideal um den Eindruck eines Gefängnisses zu vermitteln. Als ich von den Behörden die Bewilligung erhielt, fing ich mit dem Bau der Bühne und des Zuschauerraums an. Schwere schwarze Leinenstoffbahnen dienten mir als Bühnendach, zur Beleuchtung wählte ich Talgkerzen.In kurzer Zeit entstand so ein Theaterraum, der mit Fug und Recht als speziell bezeichnet werden konnte. Ich probte das Stück bereits auf der naturalistischen Bühne, als ich immer noch keine Sitzgelegenheiten für die Zuschauer hatte. Ungefähr hundert Stühle waren notwendig, mein Budget erlaubte mir nur noch die Selbstverpflegung mit Sandwiches bis zum Beginn der geplanten Vorführungen. Ein klassisches Paradoxon, sozusagen.Dann kam der erlösende Anruf eines Freundes: „Du, in der Greifengasse renoviert ein Restaurant. Frag sie nach den alten Stühlen.“ Der Besuch im besagten Restaurant konnte leider nicht erfolgreich sein, die Stühle waren bereits entsorgt worden. Ich erhielt aber noch die Information, dass das Kino im Singerhaus seine Bestuhlung erneuern wolle. Mit dem Besitzer dort kam ich dann überein, dass ich die schweren Kinostühle ausbauen und entsorgen, respektive in meinem kleinen Theater wieder einbauen würde. Gratis. Nur Arbeit und Transportkosten. Das ging. So kamen rote Kinosessel in meinen Theaterraum. Grossartig. Ebenso grossartig war die Erfahrung mit dieser Theaterproduktion. Als dann die Spielzeit längst vorbei war, erinnerte ich mich an das Restaurant an der Greifengasse. Die Besitzer hatten zwischenzeitlich die Neueröffnung gefeiert, die Kneipe „zum alte Schluuch“ hatte sich in einen schmucken Künstlertreff verwandelt. Immer auf der Suche nach Überbrückungsjobs fragte ich die Wirtin, ob sie einen Barmann brauchen würden. Sie dachte, ich sei entweder wunderbar oder sehr schräg, auf jeden Fall stellte sie mich ein und statt der Stühle hatte ich Arbeit. Sie besuchte auch meine Theater. Sie heisst Sabine. Sie lebt heute mit mir zusammen und unsere Patchworkfamilie unterhält drei Kinder, die zwischenzeitlich zu Teenagern herangewachsen sind. An guten Sonntagen, wenn die Freunde der Kinder unsere gemeinsame Wohnung stürmen, fehlt uns vor allem das Eine: genug Stühle.

 

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