Autor Herbert Blaser

 

Schluuch - Geschichten

 
 

Ich sah die Besten...

„Das ist es...ja, das ist es...“ Ich spürte, wie Albi seinen Griff um meinen Körper lockerte, sich gerade aufrichtete und seine Arme weit ausbreitete. „Mein Gott, das ist es...“ Sein Wohlgefühl grenzte wohl an eine Obszönität. Ich musste trotzdem schmunzeln und beschleunigte die Maschine jenseits aller erlaubten Werte. Albi schrie laut vor entzücken. Das Motorengeräusch der schweren Kawasaki vermischte sich heulend mit seinen Rufen. Wir flogen über die St. Johanns Brücke in Basel, der Rhein war nur mehr eine fliessende Sehnsucht des blauen Himmels. Ich liebte das Motorrad und die Arbeit am Theater, Albi liebte das Heroin und die Schauspielerei. An diesem Morgen musste ich ihn zuerst zu dem Süchtigenprogramm Janus fahren, bevor er die Proben zu dem Stück „Second Ending“ aufnehmen konnte. An diesem Morgen – wie an jedem Morgen unserer Zusammenarbeit. Ich holte ihn ab, begleitete ihn zu der ärztlichen Heroinabgabe, folgte ihm in das Vorstadt – Theater und beobachtete seine Proben zu dem ambitiösen Stück. Seine Sucht war dabei Programmpunkt, das Stück handelte vom Drogentod eines New - Yorker Jazz Musikers. Wenn alle Umstände stimmten, spielte Albi wie ein Gott. Meine Aufgabe war es, die Umstände zum Stimmen zu bringen.

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„Ich sah die besten Köpfe meiner Generation zerstört vom Wahnsinn...“ Wie wahr, dachte ich, ich hätte das Engagement nie annehmen sollen, „...ausgemergelt, hysterisch nackt...“ jetzt stand ich da, halb ausgezogen in einem grossen Haufen Eiswürfel, „...wie sie sich im Morgengrauen durch die Neger Viertel schleppten..“ hinter mir zerdepperte Albi einen übermannsgrossen Spiegel auf der Bühne „...auf der Suche nach einer wütenden Spritze.“ und ich rezitierte Alain Ginsbergs grosses Geheul. Christina Volk begleitete die szenische Lesung auf dem Saxophon. Sie spielte grossartig und brachte ihre langjährige Bühnenerfahrung bei den Quattro Stagioni in unserer Produktion zum Tragen. Trotzdem. Ich zweifelte. Aber die Wirkung des in Szene gesetzten Textes war grossartig, ganz entgegen meinen Befürchtungen. Wir spielten für die jährliche Versammlung des politischen Drogenstammtisches, viel Prominenz war anwesend, am Schluss konnte der lokale Vorstoss für einen dritten Abgabeplatz des Methadon – Programms entschieden werden. Einmal mehr war Albi der Vorzeige –Junkie. Ich misstraute der Fortuna, dachte ich doch, dass die Sympathie für einen bekennenden Heroinsüchtigen von kurzer Dauer sei. Albi Klieber war seinerzeit ein begnadeter Radiomann und hervorragender Sprecher gewesen, ein Nachmittagsliebling der öffentlich- rechtlichen Sender für gelangweilte Wohlstandsbürger, bis ihn sein national vorgetragenes Suchtbekenntnis brutal vom Thron stiess. Der Fall war tief, die Wunden kaum mehr zu heilen. Der gesellschaftliche Schaden unreparierbar. So lernte ich Albi kennen. Am Rande der Gesellschaft. Süchtig und ausgestossen.In Calvin Millers „Der Sänger“ ist ein Satz geschrieben, der mich stets an Albis Situation erinnerte. Oft auch an meine, wenn ich in dem ständigen Existenzkampf des Alternativkünstlers das rettende Ufer bürgerlichen Friedens aus den Augen verlor. In Millers Ballade steht sinngemäss: Es ist immer schwieriger zu singen, wenn dir das Publikum den Rücken zudreht. Wie wahr dachte ich, wie wahr. Aber eben schwierig, wenn man nur singen kann. So jobbte ich und führte Theaterregie, dann führte ich Theaterregie und jobbte. Dann jobbte ich wieder und war entmutigt. Zur gleichen Zeit war Albi einfach heroinabhängig. Dann drehte der Wind in seinem Leben: Süchtigen - Programme wurden gefordert. Umfassende Aufklärung und das Bestreben zur Entkriminalisierung der Konsumenten. Drop – Ins und soziale Auffangstellen. Sterbehäuser für Aidskranke und Fixerstuben. Die Sozialpolitiker formierten sich zum besagten Drogenstammtisch und orientierten sich an den holländischen Suchtprogrammen. Integration statt Repression war angesagt. Das war Albis Chance. Er wurde zum Spielen aufgefordert. Quasi als Spieler im Spiel. Als direkt Betroffener und als Botschafter der Basler-Suchtpolitik. Die szenischen Lesungen waren sehr erfolgreich, es folgte „Second Ending“. Dieses Stück spielte er im Vorstadt-Theater, dann im Stadttheater. Christoph Marthaler holte ihn in seine Produktionen und die unerklärliche Glückssträhne des Junkie-Schauspielers hörte irgendwie nicht auf. Ich erwischte mich bei dem Gedanken, dass seine Sucht inzwischen zur Masche verkommen wäre, die ihm erneut einen sozialen Sympathiebonus einbrachte. Themenorientierte Arbeit als berechnender Karriereschub. Diesmal halt kein Niedlichkeit – Faktor, sondern ein gezielter Betroffenheit – Faktor. Dann belehrte mich Albi eines Besseren: Auf dem Höhepunkt seiner „Second Ending“ – Spielzeit fragte er mich, ob ich ihm helfen würde, das Theaterstück in den vier Fixerstuben von Basel zu spielen. Unentgeltlich. Dort würde das Stück eigentlich hingehören. Ich sagte zu und das Folgende gehört zweifellos zu den härtesten Erlebnissen, die ein Theatermacher nachweisen kann. Jeweils eine Stunde nach der Methadonabgabe halfen uns die Sozialarbeiter, die Fixerstuben zu putzen und für eine Aufführung herzurichten. Schmutzige Spritzen, Watte, Plastikbecher, Apotheker Utensilien aller Art, Unmengen verschmutzter Papiertaschentücher; machten dreissig bis vierzig Stühlen Platz, einem grossen Teppich als Bühne und sechs tragbaren Stehlampen. Eine Stereoanlage gehörte mit zum Bühnenbild.

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Albi spielte hervorragend – da war kein Unterschied zwischen Stadttheater und Fixerstube. Albi meinte es vollkommen ernst. Die Sucht und der Umgang mit Sucht trieben ihn zu erstaunlichen Leistungen. Er war tatsächlich zum Botschafter geworden, der das Eis der Vorurteile zum Schmelzen bringen konnte. Auf allen Seiten. Er verlangte sich und seiner Kunst viel ab. Sicher auch seiner unmittelbaren Umgebung, aber er gab nicht auf. Als er starb, starb er an den Folgen seiner langjährigen Heroinsucht. Bestimmt. Doch ich meine sagen zu können, dass Albi wohl mit den Drogen starb, aber die Drogen haben ihn nicht umgebracht.
 

 

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