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Ich sah die
Besten...
„Das ist es...ja, das ist es...“ Ich spürte, wie
Albi seinen Griff um meinen Körper lockerte, sich
gerade aufrichtete und seine Arme weit ausbreitete.
„Mein Gott, das ist es...“ Sein Wohlgefühl grenzte
wohl an eine Obszönität. Ich musste trotzdem
schmunzeln und beschleunigte die Maschine jenseits
aller erlaubten Werte. Albi schrie laut vor
entzücken. Das Motorengeräusch der schweren Kawasaki
vermischte sich heulend mit seinen Rufen. Wir flogen
über die St. Johanns Brücke in Basel, der Rhein war
nur mehr eine fliessende Sehnsucht des blauen
Himmels. Ich liebte das Motorrad und die Arbeit am
Theater, Albi liebte das Heroin und die
Schauspielerei. An diesem Morgen musste ich ihn
zuerst zu dem Süchtigenprogramm Janus fahren, bevor
er die Proben zu dem Stück „Second Ending“ aufnehmen
konnte. An diesem Morgen – wie an jedem Morgen
unserer Zusammenarbeit. Ich holte ihn ab, begleitete
ihn zu der ärztlichen Heroinabgabe, folgte ihm in
das Vorstadt – Theater und beobachtete seine Proben
zu dem ambitiösen Stück. Seine Sucht war dabei
Programmpunkt, das Stück handelte vom Drogentod
eines New - Yorker Jazz Musikers. Wenn alle Umstände
stimmten, spielte Albi wie ein Gott. Meine Aufgabe
war es, die Umstände zum Stimmen zu bringen.
* „Ich sah die
besten Köpfe meiner Generation zerstört vom
Wahnsinn...“ Wie wahr, dachte ich, ich hätte das
Engagement nie annehmen sollen, „...ausgemergelt,
hysterisch nackt...“ jetzt stand ich da, halb
ausgezogen in einem grossen Haufen Eiswürfel,
„...wie sie sich im Morgengrauen durch die Neger
Viertel schleppten..“ hinter mir zerdepperte Albi
einen übermannsgrossen Spiegel auf der Bühne „...auf
der Suche nach einer wütenden Spritze.“ und ich
rezitierte Alain Ginsbergs grosses Geheul. Christina
Volk begleitete die szenische Lesung auf dem
Saxophon. Sie spielte grossartig und brachte ihre
langjährige Bühnenerfahrung bei den Quattro Stagioni
in unserer Produktion zum Tragen. Trotzdem. Ich
zweifelte. Aber die Wirkung des in Szene gesetzten
Textes war grossartig, ganz entgegen meinen
Befürchtungen. Wir spielten für die jährliche
Versammlung des politischen Drogenstammtisches, viel
Prominenz war anwesend, am Schluss konnte der lokale
Vorstoss für einen dritten Abgabeplatz des Methadon
– Programms entschieden werden. Einmal mehr war Albi
der Vorzeige –Junkie. Ich misstraute der Fortuna,
dachte ich doch, dass die Sympathie für einen
bekennenden Heroinsüchtigen von kurzer Dauer sei.
Albi Klieber war seinerzeit ein begnadeter Radiomann
und hervorragender Sprecher gewesen, ein
Nachmittagsliebling der öffentlich- rechtlichen
Sender für gelangweilte Wohlstandsbürger, bis ihn
sein national vorgetragenes Suchtbekenntnis brutal
vom Thron stiess. Der Fall war tief, die Wunden kaum
mehr zu heilen. Der gesellschaftliche Schaden
unreparierbar. So lernte ich Albi kennen. Am Rande
der Gesellschaft. Süchtig und ausgestossen.In Calvin
Millers „Der Sänger“ ist ein Satz geschrieben, der
mich stets an Albis Situation erinnerte. Oft auch an
meine, wenn ich in dem ständigen Existenzkampf des
Alternativkünstlers das rettende Ufer bürgerlichen
Friedens aus den Augen verlor. In Millers Ballade
steht sinngemäss: Es ist immer schwieriger zu
singen, wenn dir das Publikum den Rücken zudreht.
Wie wahr dachte ich, wie wahr. Aber eben schwierig,
wenn man nur singen kann. So jobbte ich und führte
Theaterregie, dann führte ich Theaterregie und
jobbte. Dann jobbte ich wieder und war entmutigt.
Zur gleichen Zeit war Albi einfach heroinabhängig.
Dann drehte der Wind in seinem Leben: Süchtigen -
Programme wurden gefordert. Umfassende Aufklärung
und das Bestreben zur Entkriminalisierung der
Konsumenten. Drop – Ins und soziale Auffangstellen.
Sterbehäuser für Aidskranke und Fixerstuben. Die
Sozialpolitiker formierten sich zum besagten
Drogenstammtisch und orientierten sich an den
holländischen Suchtprogrammen. Integration statt
Repression war angesagt. Das war Albis Chance. Er
wurde zum Spielen aufgefordert. Quasi als Spieler im
Spiel. Als direkt Betroffener und als Botschafter
der Basler-Suchtpolitik. Die szenischen Lesungen
waren sehr erfolgreich, es folgte „Second Ending“.
Dieses Stück spielte er im Vorstadt-Theater, dann im
Stadttheater. Christoph Marthaler holte ihn in seine
Produktionen und die unerklärliche Glückssträhne des
Junkie-Schauspielers hörte irgendwie nicht auf. Ich
erwischte mich bei dem Gedanken, dass seine Sucht
inzwischen zur Masche verkommen wäre, die ihm erneut
einen sozialen Sympathiebonus einbrachte.
Themenorientierte Arbeit als berechnender
Karriereschub. Diesmal halt kein Niedlichkeit –
Faktor, sondern ein gezielter Betroffenheit –
Faktor. Dann belehrte mich Albi eines Besseren: Auf
dem Höhepunkt seiner „Second Ending“ – Spielzeit
fragte er mich, ob ich ihm helfen würde, das
Theaterstück in den vier Fixerstuben von Basel zu
spielen. Unentgeltlich. Dort würde das Stück
eigentlich hingehören. Ich sagte zu und das Folgende
gehört zweifellos zu den härtesten Erlebnissen, die
ein Theatermacher nachweisen kann. Jeweils eine
Stunde nach der Methadonabgabe halfen uns die
Sozialarbeiter, die Fixerstuben zu putzen und für
eine Aufführung herzurichten. Schmutzige Spritzen,
Watte, Plastikbecher, Apotheker Utensilien aller
Art, Unmengen verschmutzter Papiertaschentücher;
machten dreissig bis vierzig Stühlen Platz, einem
grossen Teppich als Bühne und sechs tragbaren
Stehlampen. Eine Stereoanlage gehörte mit zum
Bühnenbild. *
Albi spielte hervorragend – da war kein Unterschied
zwischen Stadttheater und Fixerstube. Albi meinte es
vollkommen ernst. Die Sucht und der Umgang mit Sucht
trieben ihn zu erstaunlichen Leistungen. Er war
tatsächlich zum Botschafter geworden, der das Eis
der Vorurteile zum Schmelzen bringen konnte. Auf
allen Seiten. Er verlangte sich und seiner Kunst
viel ab. Sicher auch seiner unmittelbaren Umgebung,
aber er gab nicht auf. Als er starb, starb er an den
Folgen seiner langjährigen Heroinsucht. Bestimmt.
Doch ich meine sagen zu können, dass Albi wohl mit
den Drogen starb, aber die Drogen haben ihn nicht
umgebracht.
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